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Kriterien einer Sekte nach Steven Hassan

Es gibt viele verschiedene Definitionen und Verständnisse davon, was eine Sekte ist.

Verschiedene Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen haben Kriterien herausgearbeitet, an denen man kontrollierende Gruppen erkennen kann. Einer dieser Wissenschaftler ist Steven Hassan. Auf dieser Seite wird das Modell von Hassan erklärt. Dieses Modell heißt BITE Mind Control Modell und beinhaltet 4 Aspekte.

B – Behavior (Verhalten)

I – Information

T – Thought (Gedanken)

E – Emotionen (Gefühle)

Hassan beschreibt in seinem Modell viele Komponenten der Bewusstseinskontrolle, basierend auf der Theorie der kognitiven Dissonanz.

Kognitive Dissonanz ist ein psychologisches Konzept. Es sagt, dass Menschen sich unwohl fühlen, wenn sie widersprüchliche Gedanken, Einstellungen oder Verhaltensweisen haben. Dieser Zustand entsteht, wenn eine Person feststellt, dass ihre Überzeugungen oder Handlungen nicht miteinander vereinbar sind. Um diese innere Unstimmigkeit zu verringern, tendieren Menschen dazu, entweder ihre Einstellungen anzupassen, um sie mit ihrem Verhalten in Einklang zu bringen, oder ihre Handlungen zu ändern, um die Diskrepanz zu beseitigen. Kognitive Dissonanz kann zu Spannungen, Stress und einem starken Drang führen, die Inkonsistenz zu lösen, um ein konsistentes Selbstbild aufrechtzuerhalten (Festinger, 1957).

Die Komponenten aus Hassans Theorie sind die Verhaltenskontrolle, die Gedankenkontrolle, die Gefühlskontrolle und die Informationskontrolle. Sie stehen in enger Wechselwirkung miteinander, und wenn eine Komponente sich verändert, beeinflusst das die Anderen. Im Folgenden werden Beispiele für die einzelnen Bereiche, die häufig zu beobachten sind, kurz dargestellt:

Verhaltenskontrolle
  1. Kontrolle der physischen Realität
    • Zum Beispiel: Mit wem man Umgang pflegt, welche Kleidung man trägt, wie viel man schläft, finanzielle Abhängigkeit, wenig Freizeit 
  2. Übermäßiger Zeitaufwand für Sitzungen und Gruppenrituale
  3. Bei größeren Entscheidungen muss die Meinung der Gruppe eingeholt werden
  4. Gedanken, Gefühle und Tätigkeiten sollen offen gelegt werden
  5. Gruppendenken hat gegenüber dem Individualismus Vorrang
  6. Strenge Regeln und Vorschriften
  7. Aufbau von Abhängigkeit
Informationskontrolle
  1. Täuschung
    • Informationen werden zurückgezahlten und anders dargestellt oder uminterpretiert
  2. Zugang zu Informationsquellen außerhalb der Gruppe wird begrenzt Außenstehende und Eingeweihte
  3. Übermäßiger Gebrauch von durch den Kult erstellter Information und Propaganda
Gedankenkontrolle
  1. Die Lehre der Gruppe muss als die „Wahrheit“ verinnerlicht werden
    • Es gibt häufig nur Schwarz -Weiß, Gut gegen Böse
  2. Nur „gute“ und „reine“ Gedanken werden gefördert bzw. dazu ermutigt
  3. Gedankenstopp-Techniken (Aufhören des „Testens der Wirklichkeit“ durch das Stoppen „negativer“ Gedanken und das Erlauben nur „guter“ Gedanken); Zurückweisen von rationaler Analyse, kritischem Denken, konstruktiver Kritik.
  4. Kritische Fragen bezüglich Leiter, Lehre oder Verfahrensweise sind nicht erwünscht
  5. Kein anderes Glaubenssystem wird als berechtigt, gut oder nützlich betrachtet
Gefühlskontrolle

 

  1. Der Person wird beigebracht, dass jedes Problem immer auf ihren eigenen Fehler und niemals auf den des Leiters oder den der Gruppe zurückzuführen ist
  2. Rituale und öffentliche Sündenbekenntnisse
  3. Übertriebene Benutzung von Schuldbewusstsein
    • Schuldbewusstsein bezüglich der Identität
      • Wer du bist (du lebst nicht so, wie du sein könntest)
      • Deine Familie
      • Deine Vergangenheit
      • Deine Beziehungen
      • Deine Gedanken, Gefühle, Taten
  4. Übertriebene Benutzung von Furcht
    • Furcht vor der Welt „außerhalb“
    • Furcht vor Feinden
    • Furcht vor dem Verlassen der Gruppe oder von der Gruppe verlassen zu werden 

     

    Der Einstieg in einen Kult läuft häufig über verschiedene Phasen ab- Diese werden im Folgenden kurz beschrieben:

    Aufbrechen

    Aufbrechen stellt die erste Phase des Veränderungsprozesses dar. Dabei wird durch Destabilisierung der Lebenssituation eine Identitätskrise ausgelöst. Die Person erkennt durch selektive Selbstreflexion, dass Veränderungen notwendig sind.

    Verändern

    In der zweiten Phase werden Lösungsstrategien zur Veränderung persönlicher Denkmuster, Emotionen und Verhaltensweisen entwickelt, oft durch Verinnerlichung der Gruppenideologie.

    Fixieren

    In der dritten Phase werden diese Veränderungen durch operante Konditionierung gefestigt. Die operante Konditionierung ist ein Konzept aus der Verhaltenspsychologie. Im Rahmen der operanten Konditionierung wird Verhalten verstärkt oder abgeschwächt, je nachdem, ob es mit angenehmen oder unangenehmen Konsequenzen verbunden ist. Positive Verstärkung beinhaltet die Belohnung eines gewünschten Verhaltens, während negative Verstärkung das Entfernen unangenehmer Konsequenzen beinhaltet, um ein Verhalten zu verstärken. Die operante Konditionierung kann Verhaltensweisen verstärken oder abschwächen (Skinner, 1937).

     

    Quellen:

    Hassan, S. (2000). Releasing the Bonds: Empowering People to Think for Themselves, Kapitel 2. Freedom of Mind Press.

    Festinger, L. (1957). A theory of cognitive dissonance. Evanston, IL: Row, Peterson. 

    Skinner, B. F. (1937). Two Types of Conditioned Reflex: A Reply to Konorski and Miller. The Journal of General Psychology16(1), 272–279.